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Der WEINbau - Back Issues
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Wir legen ein Archiv über die wichtigsten Leitartikel der letzten Jahre an. Bitte um ein wenig Geduld.
 
Nachdem ich immer schon ein Querkopf war, war mein Lebensziel Landwirt - möglichst Weinbauer - zu werden, meine Eltern, beide Lehrer aus der Stadt, konnten diesem Wunsch allerdings nichts Besonderes abgewinnen und so musste ich vorab eine andere Schule abschließen. Dann erst konnte ich die Weinbauschule Klosterneuburg besuchen. Mit idealisierten Vorstellungen und einer modernen, zeitgemäßen Einstellung kam ich also aus der Stadt und landete in einer Welt von vorgestern. Als dann ein Lehrer die Stellungsfehler vom Pferd erklärte und die Schüler fragte, wer denn noch ein solches besäße und sich herausstellte, dass dies bei niemandem der Fall war, ließ ich mich zu der Frage hinreißen, warum wir denn nicht besser etwas über Traktoren lernen würden? Die kurze Antwort war, dass er es so eben nicht in den Skripten stehen gehabt hätte. Auch Themen wie der Wildwasserverbau aus der Sicht der Vorkriegszeit konnten mich nicht überzeugen
und so war das Thema Schule für mich bald erledigt. Aber ich habe tolle Menschen kennen gelernt, mit denen ich auch heute immer noch befreundet bin. Wie auch immer, es begann eine gute Karriere im Werbeumfeld. An „Insignien“ fehlte es dabei nicht: ich war Gast in Cannes, hatte das erste Porsche 911er Cabrio von Wien, das erste 500 SL Cabrio und der regelmäßige Schilauf in Kitzbühel durfte auch nicht fehlen. So weit so gut.
 
Auf der anderen Seite waren aber meine Freunde im ganzen Weinland, die ich schätzte, die aber aufgrund der Auswirkungen des Glycolproblems extrem belastet waren. Die enorme Dummheit der Weinbaupolitik mit der gezielten Massenproduktion resultierte in kaum trinkbaren roten oder weißen Substanzen, die die Bezeichnung „Wein“ nicht verdienten. Aufgrund meines Lebensweges wusste ich aber doch, dass Österreich weit bessere Grundlagen hat, die die Produktion der besten Weine der Welt ermöglichen könnten. Ich versuchte dies Rudi Reisner, heute der Werbefachmann der ÖWM, zu Beginn der 80er Jahre nahe zu bringen - und er war einer der wenigen die mich nicht auslachten. So hatte ich dies auch einmal in einem großen Gespräch mit dem damals führenden Werber DI Jasch erwähnt und erntete damit einen Lacherfolg bis hin zum Gespött. Man trank einen Rothschild, einen Wein vom Chateau Mouton, und andere die eben in dieser Zeit so importiert wurden. Essigstich oder grobe Fehler waren damals nicht das Thema, Hauptsache der Name gab was her.
 
Aber zurück zum Thema: Nach der Lektüre das Buches „Der Weinskandal“ von Kellereiinspektor Brüders wurde mein Zorn riesengroß. Brüders beschrieb, welche führenden Beamten am Skandal beteiligt waren und auch verurteilt wurden, und zeigte auf, dass das alles seinen Anfang in einem von oben ausgehendem System hatte. Die „Deppen“ waren die Winzer. Die Händler und Pantscher arbeiteten mit den Oberen der Behörden eng zusammen und das Rad lief. Daneben entstand ein ausgeprägter durch nichts zu rechtfertigender Gigantismus: die Millionentanks in Krems, der gigantische Rusterberg usw. Masse, nichts als Masse, die damals schon wesentlich billiger in anderen Ländern hergestellt werden konnte. Man durfte allerdings bedingt durch enorme Zollbeschränkungen außer Deckweinen nichts importieren. Das war so eine Spezialität: man schnitt auf 30.000 kg Ertrag an – natürlich waren dann die Rotweine sehr dünn, fast farblos, also schüttete man Deckwein dazu. Dabei wurde so manches andere auch mit „importiert“…
 
Ende der 1980er Jahre war der Weinbauer ein Massenproduzent: Hauptsache viel Ernte. Dies erlaubte einerseits den Verkauf von Unmengen an Zucker (da ja die Masse unreif war) aber vor allem auch von chemischen Düngemitteln in gigantischen Dimensionen die z.B. 1964 bei der Vorratsdüngung in „Waggons pro Hektar“ angeben wurden (Skript WBS Klosterneuburg von 1964). Zusammengefasst war der Winzer also, mit Ausnahme einiger weniger Pioniere (Jamek, Hirtzberger, Prager…) die Cash Cow der chemischen Industrie sowie der Zuckerindustrie und deren Handel. Das Buch von Brüders und das Wissen um die vielfachen wirtschaftlichen Netzwerke rund um die damals 50.000 Weinbauern waren für mich also unter anderem der Anlass, eigenes Geld in die Hand zu nehmen und den „WEINbau“ herauszugeben. Ich habe absichtlich niemals versucht, irgendwelche Förderungen zu erhalten bzw. habe ich jegliche politische Nähe gemieden. Ich war von Anfang an der Überzeugung, dass - wenn das Produkt gut und sinnvoll ist - es sich auch so bei Abonnenten und der Wirtschaft durchsetzen wird.
 
Natürlich wurden wir in all den Jahren je nach Bericht mal als blau, mal als rot und nach dem Interview mit Franz Fischler beispielsweise als tief schwarz bezeichnet - manches hat sich allerdings seit damals nicht oder kaum verändert, nämlich die landwirtschaftliche Vertretung. Unser laufender Vergleich mit dem Einsatz vom ÖGB oder der Vorschlag, die Beamtengewerkschaft als Vorbild herzunehmen, verhallt nach wie vor ungehört und gibt Anlass zu dauernden Reibungen.
 
In unserer Jubiläumsausgabe Februar/März 2011 widmen wir uns dem Thema Weinbaufachschulen – möge man uns auch weiterhin nachsagen was man möchte! Denn Staat und Bundesländer haben endlich erkannt, dass gespart werden muss! Nur: Wo setzt man den Rotstift an, damit es möglichst nicht weh tut und keine Unruhe zu erwarten ist? Da haben sich offenbar die Landwirtschaftlichen Fachschulen angeboten. Ein Bereich, der kaum jemanden interessiert weil der Durchschnittsbürger mit dem Thema völlig überfordert und deshalb daran nicht interessiert ist. Fazit: Für große Medien kein Thema, da dafür das Interesse der Leser fehlt. Dabei sind unsere Fachschulen, die Lehrer und deren Engagement die Ursache für den Aufstieg von der Asche des Skandals zu einem der besten und vielfältigsten Weinländer der Welt. Wo sonst gibt es Schulen in denen 40 Arbeitsstunden und mehr für die Lehrer ganz normal sind? Wo die Lehrer zusätzlich ohne zu murren auch noch ihre Freizeit einsetzen?
 
Dieser Kosmos ist einzigartig und welcher heute bekannte Winzer ist nicht Absolvent von einer Fachschule? Wo lernten unsere großen Persönlichkeiten? In genau jenen Fachschulen, die nebenbei auch noch Pionierarbeit leisteten! Denn: Wer hatte als eine der ersten Schulen den Umgang mit dem PC als Pflichtfach? Wer hatte Marketing als obligaten Lehrstoff? Wer zeichnete den Weg vom Fassweinproduzenten zum Spezialisten vor? Genau – unsere Fachschulen! Hier wurde der Rotstift brutal und offensichtlich ohne je einen Gedanken darüber verloren zu haben eingesetzt. Gerade bei jenen Schulen, die mit 50 und mehr Wochen-Arbeitsstunden pro Lehrer personell ohnehin bereits am Ende der Leistungsfähigkeit waren. Alleine die Tatsache, dass in einer Schule bei leicht steigender Schüleranzahl nun von 6 Stellen, die durch Pensionierungen frei geworden sind, nur 3 (!) Lehrer nachbesetzt werden, ist absurd. Die Schule war vorher bereits am Rande Ihrer Kapazitäten – nun fehlen 3 Schlüsselkräfte. Was bedeutet das konkret? Die Qualität der Ausbildung sinkt erheblich, aber der Weinbau und die dazugehörigen Technologien entwickeln sich weltweit sprunghaft.
 
Derzeit können die Absolventen der Fachschulen in Österreich ihr Wissen und die Qualität ihrer Ausbildung nützen, um den Vorsprung vor der weltweiten Konkurrenz zu halten. Doch in 4-5 Jahren werden all die Einsparungen die jetzt stattfinden ihre Auswirkungen haben. Dies gilt sowohl für den praktischen wie auch den analytischen Bereich. Technik- und Laborwissen müssen aktuell sein – Unterricht und Praxis „von vorgestern“ erlauben keine aktuellen Anwendungen und neuen Erkenntnisse. Wird also die Schule zum Museum? Im Moment gehen wir diesen Weg – die extrem gekürzten Mittel erlauben keine Adaptionen der vorhandenen Mittel, von notwendigen Neuinvestitionen ganz zu schweigen – 5 Jahre Stillstand lassen tatsächlich ein Museum entstehen.
 
Dabei ist zu bedenken, dass der Weinbau der entscheidende Wirtschaftsmotor nicht nur von Niederösterreich und dem Burgenland ist. Stellen Sie sich zum Beispiel die Steiermark oder eine andere Weinregion Österreichs einmal ohne Weinbau vor – Waldland, ohne lebendigen Tourismus, ohne aktive Gastronomie, ohne Beherbergungsbetriebe, Privatzimmer, usw. Unsere Fachleute des Weines erlauben eine Umwegsrentabilität, die sich in Ziffern kaum ausdrücken lässt. Das hat letztlich seine Ursache in Betriebsführern mit hohem Wissenstand, die im Wettbewerb standhalten und sich laufend weiterentwickeln können.
 
Diese „seltsamen Konstrukte“ der Weinbau-Fachschulen, wo jeder Absolvent zu einem Dialogpartner wird, wo das Du-Wort nach dem Anschluss normal ist und wo die Verbindung zwischen Schule und Absolvent eng bestehen bleibt – all das zusammen ist ein dynamischer Kosmos mit einem gemeinsamen Interesse: Aktive, erfolgreiche Betriebsführer auszubilden. Die jetzige Situation ist mehr als dramatisch; die Erfolgsursache des österreichischen Weinwunders wurden nun so beschnitten, dass das Niveau unmöglich zu halten ist. Die Schulleiter gehören nicht zu den Jammernden sondern sind aktiv und suchen Lösungen - wie auch der Winzer nach einem Hagel ...
 
Maßnahmen, die ergriffen werden müssten um diese Entwicklung zu stoppen, werden sich kaum finden lassen. Unsere Weinbaufachschulen genießen wegen der hohen Ausbildungsqualität den höchsten Ruf, der nun durch mangelndes Denken und Kennen der Beamten auf das österreichische Pisa-Studien-Niveau totgespart wird!
 
Sepp Baldrian | Herausgeber | Der WEINbau | 27. 03. 2019
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